«Depressionen können sehr unterschiedliche Gesichter haben»
Winterblues oder Alarmsignal?
Kürzere Tage, weniger Licht, mehr Rückzug: Die kalte Jahreszeit kann auf die Stimmung schlagen. Doch nicht jedes Tief ist eine Depression. Psychologin Romina Reginold erklärt, was unserer Psyche im Winter guttut, welche Warnsignale ernst zu nehmen sind und weshalb sich Depressionen bei Frauen und Männern unterschiedlich zeigen können.
Romina Reginold, der Winter steht vor der Tür. Wie bereiten wir unsere Seele am besten vor?
Unsere Psyche profitiert gerade im Winter von Struktur und Regelmässigkeit. Oft reicht es, einige wenige Routinen zu etablieren, bevor die dunkle Jahreszeit beginnt. Der wichtigste Faktor ist Tageslicht, auch wenn der Himmel bewölkt ist. Schon ein kurzer Spaziergang am Morgen oder in der Mittagszeit kann helfen, die innere Uhr zu stabilisieren und die Stimmung zu verbessern. Auch regelmässige Essens- und Pausenzeiten helfen, Schlaf- und Konzentrationsprobleme zu vermeiden.
Hilft es auch, bewusst unter Menschen zu gehen?
Soziale Kontakte sind ein weiterer wichtiger Schutzfaktor. Viele Menschen ziehen sich im Winter stärker zurück. Gerade dann lohnt es sich, Verabredungen bewusst beizubehalten, Freunde zu treffen oder sich in gemeinsamen Aktivitäten zu engagieren. Soziale Verbundenheit wirkt nachweislich stabilisierend und kann helfen, Stimmungstiefs vorzubeugen.
Wann reden wir von einem Stimmungstief, weil Wetter und Temperaturen vielleicht auf die Moral drücken und wann ist es nötig, sich Hilfe zu holen?
Der entscheidende Unterschied liegt weniger in der Jahreszeit als in der Dauer und Intensität der Beschwerden. Ein sogenannter Winterblues ist meist vorübergehend, wetterabhängig und hält nur einige Tage bis wenige Wochen an. Betroffene fühlen sich zwar antriebsloser oder etwas gedrückter, können ihren Alltag aber in der Regel weiterhin gut bewältigen. Aufmerksam werden sollte man hingegen, wenn die Niedergeschlagenheit über mehrere Wochen anhält und das tägliche Leben spürbar beeinträchtigt. Warnsignale sind ein anhaltender Interessenverlust, starke Erschöpfung, Schlaf- oder Konzentrationsprobleme, sozialer Rückzug oder das Gefühl, selbst schöne Erlebnisse nicht mehr geniessen zu können.
Wie stehen Sie allgemein zum Begriff Winterdepression oder Winterblues?
Nicht jedes Stimmungstief im Herbst oder Winter ist automatisch auf die Jahreszeit zurückzuführen – rein saisonale Depressionen sind vergleichsweise selten. Depressive Erkrankungen treten das ganze Jahr über auf. Deshalb sollte man anhaltende Beschwerden nicht vorschnell auf das Wetter schieben, da dies eine notwendige Abklärung verzögern kann. Eine gute Faustregel ist, auf die Dauer und die Auswirkungen der Beschwerden zu achten. Halten eine gedrückte Stimmung, Interessenverlust oder Antriebslosigkeit länger als zwei Wochen an, sollte genauer hingeschaut werden. Besonders dann, wenn Arbeit, Alltag oder Beziehungen darunter leiden. Verbessern sich die Symptome trotz ausreichend Tageslicht, Bewegung und einer geregelten Tagesstruktur nicht, ist es sinnvoll, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Treten Gefühle von Hoffnungslosigkeit oder Wertlosigkeit auf oder liegt ein selbstgefährdendes Verhalten vor, sollte umgehend professionelle Hilfe gesucht werden.
Gemäss verschiedenen Studien reagieren Frauen und Männer unterschiedlich auf Depressionen. Können Sie uns dazu mehr verraten?
Es gibt Hinweise darauf, dass Frauen und Männer depressive Erkrankungen teilweise unterschiedlich erleben und ausdrücken. Die grundlegenden Symptome einer Depression sind zwar bei beiden Geschlechtern ähnlich, etwa Niedergeschlagenheit, Interessenverlust oder Antriebsmangel. In der Praxis zeigen sich jedoch oft unterschiedliche Muster. Frauen berichten häufiger über Traurigkeit, Grübeln, Schuldgefühle oder Ängste und suchen tendenziell früher professionelle Hilfe. Männer hingegen äussern psychische Belastungen oft indirekter, beispielsweise durch Reizbarkeit, Rückzug, erhöhten Alkohol- oder Substanzkonsum, risikoreiches Verhalten oder eine starke Fokussierung auf Arbeit und Leistung. Es ist jedoch ganz wichtig, diese Unterschiede nicht zu verallgemeinern. Nicht jeder Mann und nicht jede Frau erlebt eine Depression auf dieselbe Weise: Depressionen können sehr unterschiedliche Gesichter haben. Neben biologischen Faktoren spielen auch gesellschaftliche Rollenbilder und Erwartungen eine wichtige Rolle. Deshalb sollte immer der einzelne Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht das Geschlecht allein.
Was kann das jeweilige Geschlecht konkret tun?
Unabhängig vom Geschlecht gilt zunächst: Psychische Gesundheit braucht Aufmerksamkeit und Pflege. Dennoch können die typischen Belastungsmuster bei Männern und Frauen unterschiedliche Ansatzpunkte bieten. Männer können Warnsignale wie anhaltende Erschöpfung, Reizbarkeit, Rückzug oder vermehrten Alkohol- und Medienkonsum ernst nehmen und frühzeitig das Gespräch mit vertrauten Personen oder Fachleuten aufsuchen. Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern ein aktiver Schritt, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Für viele Frauen kann es hilfreich sein, die eigene Belastung bewusst wahrzunehmen und nicht automatisch alle Verantwortung allein zu tragen. Wichtig ist, nicht erst zu reagieren, wenn die Erschöpfung bereits gross ist. Aufgaben zu teilen, Grenzen zu setzen und regelmässig Zeit für die eigene Erholung einzuplanen, sind deshalb wichtige Schutzfaktoren.
Ob Mann oder Frau – welchen Rat geben Sie allen Menschen?
Für alle Geschlechter gilt: Ausreichend Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte und feste Routinen stärken die psychische Widerstandskraft. Ebenso wichtig ist es, Belastungen nicht zu lange mit sich allein auszumachen. Wer frühzeitig Unterstützung sucht, verhindert oft, dass aus einer vorübergehenden Belastung ein ernsthaftes psychisches Problem wird.
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Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Aepsy und wurde mit Unterstützung der Psychotherapeutin Romina Reginold erarbeitet.
Über die Autorin:
Romina Reginold, Psychotherapeutin
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Romina Reginold ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin mit eigener Onlinepraxis und über zwölf Jahren Erfahrung in verschiedenen psychologischen Institutionen. Sie unterstützt Menschen dabei, ihre innere Welt zu verstehen und hinderliche Verhaltensmuster zu verändern und neue Wege zu einem glücklichen Leben zu finden.
Über unsere Kooperation mit Aepsy:
Wir arbeiten mit Aepsy zusammen, um Ihnen einen schnellen und unkomplizierten Zugang zu qualifizierter psychologischer Unterstützung zu ermöglichen. So möchten wir sicherstellen, dass Sie sich sowohl körperlich als auch mental bestmöglich betreut fühlen.
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