«Erholung ist kein Luxus, sondern biologisch notwendig»
Sara Satir, woraus schöpfen Sie persönlich Energie?
Aus vielen unterschiedlichen Quellen wie aus Beziehungen, guten Gesprächen, Menschen, die ich gerne habe, oder Erlebnissen in der Natur. Anders gesagt: Alles, was ein gutes Gefühl auslöst und im Moment eine Verbundenheit erzeugt, kann eine Energiequelle sein.
Viele Menschen in der Schweiz nehmen sich als emotional erschöpft wahr. Wie erleben Sie dies in Ihrer Coaching-Praxis?
Das spiegelt sich auch in meinem Alltag wider. Häufig kommen die Menschen nicht zu mir, weil sie zu wenig belastbar sind, sondern weil sie sich über lange Zeit beruflich und privat zu viel abverlangt haben. Sie geraten dann in einen Modus, in dem sie nur noch funktionieren und keine Freude und Leichtigkeit mehr erfahren. Das sind frühe Warnsignale, dass sich etwas ändern muss.
Was sind die Gründe für diese allgemeine Erschöpfung?
Uns fehlen natürliche Pausen. Zum Beispiel ein sinnliches Wahrnehmen im Moment, in dem wir nichts leisten müssen, sondern innehalten und einfach nur sind. Erinnern wir uns an unsere Kindheit, als wir hinten im Auto sassen und nichts weiter taten, als den Regentropfen zuzuschauen, die das Fenster hinabliefen. Solche Pausen werden durch die vielen Reize, denen wir heute ausgesetzt sind, einfach ausgemerzt. Es gibt nicht nur ein Warten an der Bushaltestelle, sondern wir lesen, scrollen oder telefonieren dazu noch. Diese Gleichzeitigkeit führt bei vielen Menschen zu Erschöpfung.
«Energie entsteht auch dadurch, wie gut wir zu uns schauen.»
Wie können wir Wege aus dieser Erschöpfung finden und unsere Energie zurückgewinnen?
Indem wir ein Bewusstsein für unseren Energiehaushalt entwickeln. Wir verfallen gerne der Illusion, dass unsere Energiereserven unendlich sind. Aber dem ist nicht so. Das müssen wir uns als Erstes eingestehen. Danach können wir lernen, unseren Energiehaushalt zu beobachten. Einfach spüren und sich fragen: Wie geht es mir eigentlich? Wie geht es meinem Körper? Welche Gedanken und Gefühle beschäftigen mich? Auf dieser Basis gelingt es uns vielleicht zu merken: Habe ich noch Energie für ein weiteres Projekt im Büro oder eine Sitzung des Elternrats oder bin ich eigentlich schon am Limit? In dieser Situation Nein zu sagen, ist in der Praxis aber dann ziemlich schwierig …
Wenn jemand eine Pause einfordert, heisst es in unserer Gesellschaft schnell: Aha – diese Person ist nicht leistungsfähig. Diese Rechnung geht aber nicht auf, denn wir bleiben leistungsfähig, eben gerade weil wir unseren Energiehaushalt in Balance halten. Wir brauchen Pausen und müssen diese einfordern. Denn Erholung ist kein Luxus, sondern biologisch notwendig. Ausserdem ist Energie nicht absolut, sie ist nicht etwas, das wir haben oder nicht haben. Sondern sie entsteht auch dadurch, wie gut wir zu uns schauen.
Die meisten von uns jonglieren mit Leistungsdruck im Büro, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Care-Arbeit. Wie finden wir damit einen nachhaltigen Umgang?
Ganz wichtig ist die Einsicht: Stress findet sowieso statt. Wir verlieren häufig sehr viel Energie dabei, Stressoren zu eliminieren. Und es gibt tatsächlich Energieräuber, deren man sich entledigen kann. Aber in vielen Berufsfeldern oder Lebensentwürfen gehört Stress einfach dazu. Diesem Umstand mit Achtsamkeit und Selbstmitgefühl zu begegnen, kann bereits entlastend sein. Sich einzugestehen: Ja, mein Leben kostet mich viel Energie. Und sich auch davon nicht stressen zu lassen, sondern Schritt für Schritt zu versuchen, einen Umgang und einen Weg aus der Erschöpfung zu finden.
Haben Sie konkrete Tipps, wie wir unseren Energiehaushalt wieder in die Balance bringen können?
Um Energieressourcen aufzubauen, ist weniger mehr. Wir wollen häufig zu viel auf einmal, was dann nicht nachhaltig ist. Es ist enorm wichtig, dass das Energiemanagement selbst nicht auch zu einem weiteren Punkt auf der Taskliste und damit zum Stressor wird. Deshalb halte ich viel von kleinen Gewohnheitsveränderungen, sogenannten Microhabits. Diese sind einfach umzusetzen und wirken umso nachhaltiger. Schreiben Sie zum Beispiel Ihre Energieräuber und Energiegeber auf und konzentrieren Sie sich auf das, was Ihnen Energie gibt. Wichtig ist aber, dass Sie Ihre Energiegeber immer der Testfrage unterziehen: Löst es wirklich ein gutes Gefühl aus? Denn häufig verwechseln wir Ressourcen mit Zielen. Oder das, was mir guttut, weicht stark ab von dem, was ich denke, das mir guttun sollte. «Im Pyjama auf dem Sofa liegen» tönt halt weniger fancy als Yoga oder Pilates. Dabei fängt es wie gesagt ganz klein an: ein Musikstück, das mir gefällt, eine Farbe, die ich schön finde, und ein Duft, den ich mag. Bei der Frage, was mir denn Energie gibt und was mich Energie kostet, braucht es viel Ehrlichkeit.
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«Was gibt mir Energie? Die Antwort braucht häufig viel Ehrlichkeit mit sich selbst.»
Ob genug Energie oder zu wenig; dieses Empfinden ist sehr individuell. Wie merken wir, wann wir noch ausreichend Energie haben und wann es kritisch wird?
Unser System ist diesbezüglich genial, denn es sendet Warnsignale, zuerst ganz kleine, die immer lauter werden, wenn sie ignoriert werden. Ausreichend Energie zeigt sich häufig darin, dass man sich nach der Belastung wieder gut regenerieren kann. Wenn aber die Erholung nicht mehr wirkt, das heisst, wenn wir uns nach einer Pause nicht besser fühlen, körperliche Signale hinzukommen oder eine innere Leere, dann kann es kritisch werden. Deshalb sage ich immer: Lieber Warnsignale früh wahrnehmen als zu spät. Lieber einmal zu viel zu einer Fachperson gehen als zu spät.
Sie sind neben Ihrer beruflichen Tätigkeit auch zweifache Mutter. Eines Ihrer Kinder ist von einer schweren Form von Autismus betroffen und seit seiner Geburt auf intensive Pflege und Betreuung angewiesen. Entsprechend leisten Sie auch viel unbezahlte Care-Arbeit. Wie wahren Sie Ihre eigenen Energiereserven und was empfehlen Sie anderen pflegenden Angehörigen?
Wenn ich mit pflegenden Angehörigen arbeite, versuche ich das Bewusstsein zu etablieren, dass Care-Arbeit auch Arbeit ist, von der man sich erholen muss. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns von so genannter Lohnarbeit eine Pause nehmen dürfen am Wochenende, in den Ferien oder am Feierabend. Aber pflegende Angehörige arbeiten in vielen Situationen rund um die Uhr und wechseln dabei auch häufig zwischen Lohn- und Care-Arbeit. Deshalb geht es auch hier darum, sich einzugestehen, dass die Pflege trotz der Liebe, die man für die betreffende Person empfindet, sehr viel Energie kostet. Dies ist häufig schon eine grosse Entlastung.
Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang die Sinnhaftigkeit?
Genau diese stärkt mich in meiner Arbeit und auch mit meinem erwachsenen Sohn seit Anbeginn. Die Resilienz- und Stressforschung sagt: Wenn Menschen Sinnhaftigkeit erleben, ist der Energiehaushalt häufig ein anderer, als wenn sie eine Sinnlosigkeit wahrnehmen. Das bedeutet, sich immer wieder die Frage zu stellen: Weshalb mache ich das Ganze? Und sich trotzdem mit seinen Grenzen auseinanderzusetzen und diese ernst zu nehmen, auch wenn andere Bedürfnisse sehr präsent sind. Das ist sehr, sehr schwierig. Doch es ist immens wichtig, Hilfe anzunehmen, Schuldgefühle abzubauen und sich Inseln zu schaffen, in denen man zu sich schaut. Meine wichtigste Botschaft an pflegende Angehörige ist: Nur wenn ihr zu euch Sorge tragt, könnt ihr langfristig für euren Angehörigen oder eure Angehörige sorgen. Eure Energie ist das Benzin eurer Arbeit und Selbstfürsorge ist die grösstmögliche Fürsorge für die Menschen, die euch wichtig sind.
Musste diese Erkenntnis auch in Ihnen reifen?
Ja. Mein Sohn ist mittlerweile erwachsen und lebt in einer Institution, denn seine Betreuung ist unglaublich aufwändig und intensiv. Wenn ich auch dann noch Zeit mit ihm verbringen möchte, wenn er 40 ist, dann muss ich meine Energiereserven einteilen. Das heisst, ich setze vielleicht immer mal wieder eine Grenze, gerade weil ich ihn so sehr liebe. Aber natürlich, einfach ist das weder für mich noch für andere pflegende Angehörige. Doch hier kommen dann wieder die Verbindung und die Sinnhaftigkeit zum Zug: Es ist bei der Pflege ja nicht nur ein Geben, sondern man erhält ja auch meistens ganz viel zurück. Auf der Reise mit meinem Sohn habe ich gelernt, das kleine Glück zu schätzen und dafür dankbar zu sein. Und ja, Demut ist ein grosses Wort, aber wenn nichts selbstverständlich ist, wird kleines Glück ganz gross.
Über die Autorin: Sara Satir
Sara Satir unterhält seit 14 Jahren eine eigene Praxis in Winterthur für Coaching, Supervision und Beratung. Daneben leitet sie Seminare, Retreats und Workshops, moderiert Veranstaltungen, schreibt Kolumnen für das «Migros Magazin» und moderiert zusammen mit der Journalistin Marah Rikli den Podcast der Frauenzentrale Zürich: «Sara und Marah im Gespräch mit … » Als Mutter eines erwachsenen Sohnes mit einer Behinderung engagiert sich die 47-Jährige zudem stark für Inklusion und Gleichstellung
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