Pornosucht erkennen und bewältigen
Pornosucht auf einen Blick
- Mit Pornosucht wird im Volksmund ein problematisches Verhalten im Zusammenhang mit Pornografie bezeichnet. Die Diagnose Pornosucht gibt es medizinisch und psychologisch offiziell jedoch nicht.
- Der Pornokonsum wird dann zum Problem, wenn er exzessiv ist und zu Kontrollverlust, Leidensdruck und negativen Folgen im Alltag oder in der Partnerschaft führt.
- Männer sind häufiger betroffen als Frauen.
- Hilfe bieten sowohl qualifizierte Sexologinnen oder Sexologen, Beratungsstellen als auch Verhaltenstherapien bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten.
Pornografische Inhalte sind so einfach verfügbar wie nie zuvor. Eine Umfrage der Psychotherapeutin und Sexualtherapeutin Ursina Donatsch zeigt, dass
- 93 Prozent der Schweizer Männer mindestens einmal pro Jahr Pornos schauen.
- 57 Prozent der Schweizer Frauen mindestens einmal pro Jahr Pornos schauen.
Pornos können durchaus positive Effekte auf unsere Sexualität, sexuelle Gesundheit und Beziehungszufriedenheit haben. So können sie dabei helfen, sexuelle Vorlieben zu entdecken, Inspiration zu finden oder sexuelle Erregung auslösen und steigern.
Andererseits kann ein exzessiver Pornokonsum zu unrealistischen Erwartungen, Schwierigkeiten in der Sexualität bis hin zu Vernachlässigung sozialer oder beruflicher Verpflichtungen führen.
Was ist Pornosucht überhaupt?
Pornosucht ist ein Wort aus unserer Umgangssprache, das ein problematisches Verhalten bezüglich Nutzung und Umgang mit Pornografie beschreibt. Bislang gibt es keine eigenständige Diagnose oder Klassifikation von Pornosucht. Am ehesten lässt sich die Pornosucht als Impulskontrollstörung mit charakteristischen Merkmalen einordnen, die seit 2022 im internationalen Diagnosehandbuch ICD-11 als «zwanghaftes Sexualverhalten» definiert ist.
Folgende Merkmale sind typisch für die Pornosucht:
- Kontrollverlust: Fehlende Kontrolle über Häufigkeit und Dauer des Konsums.
- Dranghaftigkeit: Wiederkehrendes, intensives Verlangen nach Pornografie und pornografischen Inhalten.
- Leidensdruck: Trotz negativer Konsequenzen, beispielsweise Auswirkungen auf die Beziehung, und dem Wunsch nach Veränderung wird das Verhalten fortgesetzt.
- Unfähigkeit der Abstinenz: Das Verhalten besteht seit mindestens sechs Monaten und die Abstinenz oder Reduktion gelingt trotz Versuch nicht.
- Fehlende Befriedigung: Das Verhalten führt nicht zur gewünschten und erstrebten Befriedigung.
Ausserdem kann der extensive Pornokonsum zur Toleranzentwicklung führen oder beim Verzicht zu Entzugserscheinungen.
Natürlich ist nicht jeder häufige Pornokonsum ein Zeichen für Pornosucht. Treten aber oben genannte Merkmale auf, kann dies auf einen problematischen Pornokonsum hindeuten.
Sexsucht: Was ist der Unterschied?
Genau wie die Pornosucht ist auch die Sexsucht keine eigentliche Sucht, sondern gilt als zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung. Die Sexsucht zeichnet sich durch den übergrossen Drang nach sexuellen Handlungen sowie den starken Leidensdruck aufgrund dieses Verlangens aus. Die Merkmale und Folgen sind ebenfalls ähnlich wie bei der Pornosucht (Kontrollverlust, negative Folgen für persönliches Umfeld, Abfall der Beziehungsqualität).
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Wer ist von der Pornosucht betroffen?
Noch ist der Pornokonsum bei Männern deutlich höher als bei Frauen. Gemäss jüngsten Umfragen schauen aber auch Frauen immer häufiger Pornos. Dennoch sind Frauen kaum von der Pornosucht betroffen.
Ganz im Gegensatz zu Männern. In einer Studie aus der Zeitschrift für Sexualforschung schätzt jeder dritte Mann seinen Pornokonsum als zu hoch ein. Gemäss Fachpersonen sind fünf bis zehn Prozent der Männer «pornosüchtig» und können nicht kontrollieren, wie häufig, wann und in welchem Ausmass sie Pornos schauen.
Eine Untersuchung bei jungen Schweizer Männern aus dem Jahr 2021 zeigt, dass einige fast täglich Pornos konsumieren:
- 14 Prozent der Männer schauen drei- bis siebenmal pro Woche Pornos.
- 3 Prozent der Männer schauen mehrmals täglich Pornos.
«Die Nutzung und der Konsum von Pornografie kann positive wie negative Auswirkungen für Wohlbefinden, Sexualität und Beziehungen haben, Entscheidend ist ein bewusster, reflektierter Umgang und eine offene Kommunikation innerhalb der Beziehung.»
Miriam Siegenthaler, Sexologin M.A | FSS
Warum machen Pornos süchtig?
Verschiedenste biologische, psychische, genetische und soziale Faktoren können zur Entstehung einer Pornosucht beitragen:
- Dopamin-Kick: Beim Konsum von Pornografie wird eine grosse Menge des Neurotransmitters Dopamin freigesetzt. Das löst Glücksgefühle aus und motiviert unser Gehirn, das Verhalten zu wiederholen.
- Einfacher und kostenloser Zugang: Ob am Laptop oder via Smartphone, Pornos sind nur wenige Klicks entfernt. Die beliebteste Pornoseite der Welt wird in der Schweiz häufiger besucht als die Website der SBB.
- Psychische Faktoren: Die Sucht nach Pornos tritt häufig parallel zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen auf. Aber auch vorhandene Suchtverhalten können Pornosucht begünstigen, ebenso wie traumatische Erlebnisse, Belastungen oder familiäre Krisen.
Meist ist es ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die das Sexualverhalten beeinflussen und zu einer Pornosucht führen können.
Folgen der Pornosucht
Wie bereits die Ursachen, sind auch die Folgen und Auswirkungen einer Pornosucht sehr vielfältig. So kann ein problematisches Verhalten rund um den Pornokonsum sowohl psychische als auch körperliche Auswirkungen mit sich bringen. Dazu zählen beispielsweise:
- Belastung für Partnerschaft: In Paar-Beziehungen kann eine Pornosucht zu unrealistischen Erwartungen oder sexuellen Schwierigkeiten führen. Echte menschliche Sexualität wirkt oft weniger erregend als die auf dem Bildschirm erlebte Sexualität. Das führt oft zur Belastung der Partnerschaft.
- Emotionale Abstumpfung: Die normalen Reize des echten Sex verlieren an Wirkung, weil die Betroffenen nicht in der Lage sind, sexuelle Reize körperlich bewusst wahrzunehmen und zu vertiefen. Oft führt das zu einer generalisierten sexuellen Unlust.
- Erektionsprobleme: Die Pornosucht kann auch dazu führen, dass eine Erektion nur noch beim Anschauen von Pornografie möglich ist, nicht aber beim echten Sex.
- Konzentrationsstörungen: Studien zeigen, dass ein starker Konsum pornografischer Inhalte oft einhergeht mit Konzentrationsproblemen, Antriebslosigkeit und starker Müdigkeit. Dies geht so weit, dass Betroffene privaten und beruflichen Verpflichtungen nicht wie gewohnt nachgehen können.
Auch Depressionen oder Angststörungen gehören oft zu den Begleiterscheinungen einer Pornosucht.
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Ab wann ist man pornosüchtig? Die Pornosucht erkennen
Bin ich süchtig nach Pornos? Wer diese Frage beschäftigt, kann sich mit den Symptomen und Anzeichen der Pornosucht bzw. dem zwanghaften Sexualverhalten des problematischen Pornokonsums auseinandersetzen.
Zu betonen ist, dass der häufige Konsum von pornografischen Inhalten alleine noch keine Pornosucht ausmacht.
Mögliche Symptome sind vielmehr:
- Sexuelle Funktionsstörungen wie ausbleibende Erektion beim Sex mit der Partnerin, dem Partner oder Orgasmus-Schwierigkeiten
- Schlafprobleme, Ermüdung, Konzentrationsschwierigkeiten
- Verminderte Libido und fehlendes Interesse an Sex mit echten Menschen
- Geringes Selbstwertgefühl, Schamgefühl, niedergeschlagene Stimmung
Ein problematisches Verhalten äussert sich oft auch anhand Anzeichen wie Kontrollverlust über das eigene Verhalten, Dauer und Häufigkeit des Pornokonsums, der Notwendigkeit, immer härtere Inhalte zu konsumieren, oder der Unfähigkeit, mit dem Verhalten aufzuhören, obwohl der Wunsch danach besteht. Auch der Leidensdruck ist oft ein Merkmal einer Pornosucht. Betroffene haben beim Pornoschauen oder danach schlechte Gefühle oder sogar Schmerzen, können aber nicht damit aufhören.
Falls Sie das Gefühl haben, dass Ihr Pornokonsum problematisch ist und Sie etwas daran ändern möchten, sollten Sie unbedingt mit einer Fachperson sprechen.
Ich schaue sehr oft Pornos – wie kann ich das ändern?
Wer durch den eigenen Pornokonsum eine starke Belastung verspürt, sollte auf professionelle Hilfe zurückgreifen. Anlaufstelle dafür sind qualifizierte Psycho- und Sexualtherapeutinnen und –therapeuten oder Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit. Zusammen mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten lassen sich Ursachen für das problematische Verhalten und Therapiemöglichkeiten ergründen.
Wissenschaftliche Studien zur besten Therapieart fehlen noch. Eine Sexual- oder Verhaltenstherapie – alleine oder in Gruppen – gilt aber als wirkungsvoll. Das Ziel ist nicht, den Konsum sofort und komplett einzustellen, sondern laufend zu reduzieren. Ein Suchttagebuch oder Ruckfallpläne können dabei helfen. Letztere legen beispielsweise fest, wie Betroffene ausweichen können, wenn sie den Impuls verspüren, Pornos zu schauen. Auch technische Tools wie Filter oder Zeitlimiten für Apps können helfen.
Die Pornosucht bei anderen erkennen und sie darauf ansprechen
Zwanghaftes Sexualverhalten wie die Pornosucht kann neben der betroffenen Person selbst auch die Partnerin oder den Partner belasten. Umso schwieriger ist es, das Gegenüber auf ihr mögliches Suchtverhalten bei pornografischen Inhalten anzusprechen. Dazu kommt, dass Gespräche über den Konsum von Pornos und über Sexualität im Allgemeinen mit Scham verbunden sind.
Ein einfaches Rezept für ein offenes und ehrliches Gespräch über das Sexualverhalten gibt es nicht. Auch hier kann es sich lohnen, sich Unterstützung bei einer Beratungsstelle oder qualifizierten Fachperson zu holen.
Was ich Ihnen als Sexualtherapeutin zusätzlich mit auf den Weg geben kann:
Reden Sie offen und ehrlich über Sex. Sexualität ist ein wesentlicher Bestandteil der mentalen und körperlichen Gesundheit und der Beziehungszufriedenheit. Am besten sprechen Sie darum regelmässig mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin über Wünsche, Vorlieben und Grenzen beim Sex – nicht nur mit Bezug zum Pornokonsum. Schaffen Sie Raum, um offener über Sexualität und sexuelle Gesundheit zu sprechen. Der Leitfaden von Atupri kann Ihnen dabei helfen.
Let’s talk about sex, baby!
Wie gelingt ein offenes Gespräch über Wünsche, Vorlieben und Grenzen beim Sex? Haben wir uns auch gefragt – und darum einen Leitfaden entwickelt. Für ein Gespräch ganz ohne Scham und Stress, spielerisch und offen.
Häufig gestellte Fragen zum Thema Pornosucht
Es gibt keine feste Grenze für «normalen» Pornokonsum. Entscheidend ist nicht die Häufigkeit, sondern ob der Konsum freiwillig, kontrolliert und ohne negative Folgen erfolgt. Für viele Menschen ist Pornografie Teil ihrer Sexualität. Problematisch wird es, wenn Pornos zur wichtigsten oder einzigen Form sexueller Befriedigung werden oder mit Stress, Scham oder Leidensdruck verbunden sind.
Umgangssprachlich spricht man von Pornosucht, wenn der Konsum nicht mehr kontrollierbar ist und negative Folgen hat. Fachlich wird von «zwanghaftem Sexualverhalten» gesprochen. Hinweise darauf sind Kontrollverlust, steigender Konsum, erfolglose Versuche aufzuhören sowie Belastungen in Alltag, Beziehung oder psychischer Gesundheit. Nicht jeder häufige Konsum ist problematisch.
Wenn Sie Ihren Pornokonsum als belastend erleben, kann professionelle Unterstützung helfen. Anlaufstellen sind Psycho- und Sexualtherapeutinnen und – therapeuten oder spezialisierte Beratungsstellen für sexuelle Gesundheit. Ein erstes Gespräch ermöglicht es, die Situation einzuordnen und gemeinsam geeignete Schritte zu planen. Je früher, desto besser.
Pornokonsum kann die Sexualität beeinflussen. Während er bei manchen Menschen inspirierend wirkt, kann starker oder problematischer Konsum dazu führen, dass reale sexuelle Begegnungen weniger befriedigend sind, Erwartungen verzerrt werden oder sexuelle Funktionsstörungen auftreten. Ein bewusster Umgang mit Pornografie ist daher wichtig.
Über die Autorin:
Miriam Siegenthaler, Sexologin M.A | FSS
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Miriam Siegenthaler ist Sexologin (Master of Arts) und Medien- & Kommunikationsbeauftragte des Fachverbandes für Sexologie Schweiz (FSS). In ihrer Praxis in Bern begleitet sie Einzelpersonen, Paare und Menschen in Mehrpersonensettings bei Fragen rund um Sexualität, Beziehung und sexuelle Gesundheit. Dabei unterstützt sie Menschen dabei, ihre eigenen Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen und einen stimmigen Umgang mit Körper, Lust und Beziehung zu entwickeln.
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